Das Kind

Das Motiv des Kindes spielt in der psychoanalytischen und spirituellen Traumarbeit eine zentrale Rolle. Es richtet an uns gleichsam die Frage, ob wir dem Kind, das wir gewesen sind, in unserem erwachsenen Leben eine genügenden Raum eingeräumt haben. Dieses Kind, das einen Teil unserer Identität bildet, will von uns wahrgenommen und in der Gestaltung unseres Lebens berücksichtigt werden. Wir merken oft nicht, wie sehr die Erlebnisse der Kindheit und Adoleszenz unsere späteren Beziehungen beeinflussen. So sind die Probleme der Nähe- und Distanzregulation ohne Berücksichtigung der kindlichen Trennungsangst kaum zu lösen.

Aber das Kind im Traum repräsentiert nicht nur Dimensionen der eigenen Kindheit, an die wir uns vielleicht nicht mehr erinnern können. Es erscheint auch als eine Gestalt, in dem sich zukünftige Wachstumsmöglichkeiten andeuten. Das Kind, besonders das neugeborene Kind, stellt ein Symbol des Neuanfangs dar. In seinem Erscheinen kündigt sich Umgestaltung und Wandlung an. Darum erscheint das Kind nicht nur regelmässig in den Initialträumen einer Psychotherapie, sondern es begleitet uns in allen seelischen Wachstumsprozessen. Auch unsere spirituelle Suche manifestiert sich im Kind. Oft beobachten wir an ihm Fähigkeiten und Kompetenzen, die wir unserem gewöhnlichen Ich nicht oder noch nicht zuordnen können. Das Kind repräsentiert so eine Stufe auf dem spirituellen Pfad, die sich nach dem Verstandesdenken und der Gelehrsamkeit entfaltet. Zu diesem Kind umzukehren und sich von ihm beleben und belehren zu lassen, stellt keine Regression, sondern einen bedeutsamen Fortschritt des inneren Wachstums dar. So mahnen uns die Träume, das innere Kind wiederzuentdecken und ihm in unserem Ich-Gefüge einen angemessenen Raum zu gewähren.

Howald Fosco | minix